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Die Geschichte des Hessenturms.

von Horst Eubel

Dem Höhenzug der Langenberge vorgelagert erhebt sich oberhalb des Städtchens Niedenstein der steile Basaltkegel des Niedensteiner Kopfes. Früher von einer Burg gekrönt, deren Reste heute kaum noch erkennbar sind, bot der, wegen seiner schroffen Felsklippen und Geröllhalden, seinerzeit unbewaldete Berg von seinem Plateau in 475 m Höhe aus einen herrlichen Rundblick. Im Südosten grüßen der Heiligenberg und Alheimer, während nach Süden der Blick über die Wabernsche Tiefebene und Fritzlar bis zum Knüll schweift. Nach Westen hin schließen sich der Kellerwald, die Waldecker Berge und das Sauerland an. Vor dieser großartigen Kulisse erscheinen dem Betrachter die näher liegende Weideisburg oder gar die Altenburg und der Falkenstein winzig. Im Nordwesten erkennen wir noch den Isthaberg und Bärenberg, während nach Norden und Osten die Langenberge die Aussicht in das Baunatal, auf den Habichtswald und das Kasseler Becken versperren. Dieser Blick über den alten Chattengau ist insgesamt ein Panorama, welches ähnlich nur wenige unserer nordhessischen Berge vermitteln.

Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts wurden nun, trotz der widrigen Bodenverhältnisse, die Hänge des Niedensteiner Kopfes mit Fichten aufgeforstet. Dies hatte zwangsläufig zur Folge, dass Ende der zwanziger Jahre die oben geschilderte, herrliche Aussicht immer mehr versperrt wurde. Hinzu kam, dass gerade in dieser Zeit Niedenstein als Erholungs- und Ferienort einen großen Aufschwung nahm. So war es nahe liegend, dass sich der im Jahre 1927 gegründete Zweigverein Niedenstein des Hessisch-Waldeckischen Gebirgsvereins der Probleme annahm und in seinen Reihen die Idee geboren wurde, den Niedensteiner Kopf zu einem, heute würde man sagen, Naherholungsgebiet auszubauen und auf seinem Gipfel einen Aussichtsturm zu errichten.


Bedenkt man, dass der Verein erst kurze Zeit bestand, über keine eigenen Mittel und Rücklagen verfügte, und zieht man dazu noch die damaligen wirtschaftlichen Verhältnisse in Betracht, so gebührt unserem Vätern Hochachtung für den Mut unter den gegebenen Umständen ein solches Projekt zu verwirklichen. Auf Grund der geschilderten Umstände wird auch die anfänglich etwas einfache und primitive Planung verständlich. Die ersten Skizzen und Entwürfe zeigen einen überdimensionalen Hochsitz, in der Art wie ihn die Jäger benutzen, mit Leitern und einer Plattform. Der Entwurf wurde jedoch von der Bauaufsicht kategorisch abgelehnt. Am 18. November 1929 beschließt die Mitgliederversammlung, von dem als Kurgast in Niedenstein weilenden Architekten Wienand aus Dortmund, eine Zeichnung mit Kostenvoranschlag anfertigen zu lassen. Am 2. April 1930 liegt die Zeichnung vor und findet in dieser Form auch die Billigung aller Mitglieder. Der Entwurf wird allerdings vom preußischen Hochbauamt und dem damaligen Landeskonservator Dr. Bleibaum gründlich überarbeitet und stellt in seiner Endphase ein repräsentatives Bauwerk, unseren jetzigen Turm, dar. Man war sogar soweit gegangen und hatte die drei Obergeschosse als Turmzimmer für Jugendherbergszwecke geplant und ausgewiesen.Die Zeit der Planung und des Genehmigungsverfahrens hatte man benutzt, um einen Bauausschuss zu wählen, der aus den Mitgliedern: Chr. Schmoll, J. Sorst, H. Blumenstein, K. Krause, H. Hesse, H. Eubel, W. Grunewald und K. Hahn bestand. Den Vorsitz übernahm K. Krause.

wilhelm heckerZusammen mit dem rührigen Vereinsvorsitzenden Lehrer Wilhelm Hecker, der als unermüdlicher Verfechter der Turmbauidee  als ,,Vater des Hessenturmes" in die Vereinsgeschichte eingegangen ist und dem übrigen Vorstand: Bürgermeister Noide und Altbürgermeister Hillebold, wurden nun die Vorarbeiten kräftig vorangetrieben.

Die ortsansässigen Fuhrunternehmer und Landwirte verpflichteten sich, das Material kostenlos zu transportieren. Die Kostenvoranschläge werden eingeholt und geben uns heute einen Einblick in die Dimensionen der damaligen Baupreise. Die Stundenlöhne wurden auf 90 Pfg. zuzüglich 25 Pfg. für Versicherungen festgesetzt. Außerdem musste jeder am Turmbau Beschäftigte 2 Tage unentgeltlich arbeiten.

 

Die Ausführung der gesamten Zimmerarbeiten wurden von dem Zimmermeister Siegmund Bauermeister für 925,30 Reichsmark angeboten.
Das große Problem war nun das der Geldbeschaffung. Um erst einmal einen Grundstock zu haben, wurden Sammlungen veranstaltet, sowohl bei allen Bürgern, wie auch in den Mitgliederversammlungen. In allen Gaststätten und Pensionen wurden Sammelbüchsen aufgestellt. Was allerdings Sammlungen in einer Zeit bedeuteten, in welcher der
größte Teil der Menschen arbeitslos war und mit 5 Reichsmark Arbeitslosenunterstützung in der Woche eine Familie ernährt werden musste, können wir uns heute gar nicht vorstellen. Es gehörten jedenfalls ungeheurer Idealismus und noch mehr Optimismus dazu.Der Kreis Fritzlar hatte einen Zuschuss zugesagt, der jedoch erst nach Fertigstellung des Turmes gezahlt wurde. Um diese Zeit zu überbrücken, musste ein Kredit aufgenommen werden, für den die Vorstandsmitglieder die Bürgschaft übernahmen. Das für die Zimmerarbeiten und zur Herstellung der Schindeln benötigte Bauholz wurde von der Stadt Niedenstein zur Verfügung gestellt.

Am 23. 4. 1931 wird einstimmig beschlossen, dass der Turm den Namen ,,Hessenturm" erhalten soll und gleichzeitig auch mit den eigentlichen Bauarbeiten begonnen.
Auf den Fundamenten der ehemaligen Burg, bezeichnenderweise neben den Resten des alten Burgturmes, errichtete man das Sockelgeschoß in Stampfbetonbauweise. Das dafür benötigte Material wurde mit vierspännigen Pferdefuhrwerken mühsam - und wie bereits erwähnt kostenlos - auf dem steilen Weg zur Baustelle transportiert. Auf diesem massiven Erdgeschoß wurde dann die vierstöckige Holzkonstruktion errichtet, mit Brettern verschalt und mit Holzschindeln verkleidet. Außerdem erhielt der Turm ein rundum laufendes Schutzdach. Nach einer verhältnismäßig kurzen Bauzeit von 2 Monaten, konnte am 21. Juni 1931 bereits die Einweihung des Hessenturmes stattfinden. Eine groß angelegte Werbekampagne bewirkte, dass der Tag zu einem wahren Volksfest wurde. Der Hess. Gebirgsbote vom Juli 1931 berichtet von ,,einer Völkerwanderung nach Niedenstein". Taufakt und Weihefeier fanden unter Mitwirkung der örtlichen Vereine und in Anwesenheit der Vertreter von Behörden und des öffentlichen Lebens am Turm statt. Anschließend sorgten Bierzelt und Tanzboden auf dem ebenfalls neu erbauten Sportplatz für Unterhaltung und Volksbelustigung. Mit Feuerwerk und bengalischer Turmbeleuchtung ging der Einweihungstag zu Ende. Bereits zwei Wochen später, am 6. Juli 1931, wäre die ganze Mühe und Arbeit von einem Gewitter fast vernichtet worden. Ein Blitz, welcher zum Glück nicht zündete, schlug in den Turm ein, riss das Dach auf, zersplitterte hier und da das Balkenwerk und zertrümmerte die Fensterscheiben.

Die Abrechnung der Baukosten ergab einen Aufwand von 5.268,28 Reichsmark. Nach Abzug der durch Spenden, Sammlungen und Zuschüsse eingekommenen Gelder blieb eine Restschuld von 1.695,67 Reichsmark, die aber bereits im Jahre 1935 getilgt war. Die nächsten Jahre übertrafen nämlich - was die Besucherzahlen anbelangte - die kühnsten Erwartungen. Der Hessenturm übte eine magische Anziehungskraft aus und erreichte einen Beliebtheitsgrad, den niemand zu erhoffen gewagt hatte. Allein vom 1. Okt. 1931 bis zum 30. Sept. 1932 bestiegen 5214 Erwachsene und 2498 Kinder den Turm. Innerhalb kürzester Zeit wurde er zum  Wahrzeichen der Stadt Niedenstein. Das „Tausendjährige Reich" und die Kriegsjahre überstand der Turm unbeschadet. Er wurde nur vorübergehend für militärische Zwecke benutzt und nach dem Kriege wieder ein beliebtes Ausflugziel.


Im Laufe des Jahres 1957 erhielt das den Turm umgebende Schutzdach zur Hälfte eine Bretterverschalung und wurde damit zu einer idealen Schutzhütte, die an Sonn- und Feiertagen bewirtschaftet wurde. Damit ließ man eine alte Tradition aufleben, denn schon in den Vorkriegsjahren wurde der Turm von den
Niedensteiner Gastwirten bewirtschaftet. 1970 musste die von Witterungseinflüssen stark in Mitleidenschaft gezogene Aussichtsplattform erneuert werden. Auf Drängen des damaligen Vorsitzenden, Otto Hillebrand, nahm man dies zum Anlass, den Turm um ein Stockwerk zu erhöhen. Gleichzeitig wurde die alte Holzbeschindelung gegen pflegeleichte Eternitschindeln ausgewechselt. Diese hatten allerdings den Nachteil, wesentlich anfälliger für Zerstörungen zu sein. Am 4. Juni 1971 wurde der renovierte und auf 18 m erhöhte Turm feierlich seiner Bestimmung wieder übergeben.

Eine weitere bauliche Veränderung erfolgte im Herbst 1978. In der bereits vorhandenen Schutzhütte wurden die Wände und die Decke mit einer Wärmedämmung versehen von innen wohnlich verkleidet und außerdem ein Holzfußboden eingezogen. Durch den Einbau einer Gasheizung und -beleuchtung wurde die in den Turm integrierte Wanderhütte winterfest gemacht, und konnte am 31. Dez. 1978 von den aktiven und am Ausbau beteiligten Mitgliedern mit einer Sylvesterfeier eingeweiht werden.
Im August 1980 hatten  die mutwilligen Zerstörungen ein Ausmaß angenommen, das den Verein veranlasste, den bis dahin ohne Aufsicht ständig geöffneten Turm zu schließen. Die Spendenkasse wurde aufgebrochen, Fensterläden und Scheiben zerbrochen, eine tragende Säule des Vordachs angehackt und die Sitzgruppen zerstört. Der Verein erstattete Anzeige und setzte eine Belohnung für die Ergreifung der Täter aus, die allerdings nicht ermittelt werden konnten Bis auf weiteres war der Turm, wie die Wanderhütte, nur noch an Sonn- und Feiertagen geöffnet. Die Wanderhütte wurde zu dieser Zeit zwar nur für Vereinszwecke bewirtschaftet aber kein durstiger Wanderer musste ohne einen kühlen Trunk weiterziehen.
Im Jubiläumsjahr 1981 wurde der Gasbetrieb durch eine provisorisch verlegte Stromleitung abgelöst. Damit war auch die Möglichkeit gegeben den Turm zum Jubiläum „50 Jahre Hessenturm“, das vom 12. bis 14 Juni 1981 gefeiert wurde und in der Vereinsgeschichte  ausführlich beschrieben ist, mit Scheinwerfern anzustrahlen und festlich zu beleuchten. Außerdem konnte die Polizei, bedingt durch die Stromversorgung, eine Relaisstation für ihren Funkverkehr einrichten. Die Ehrentafel über dem Turmeingang, die an Wilhelm Hecker, den „Vater des Hessenturms“ erinnert, wurde im Jahre 1987, anlässlich des 60jährigen Vereinsjubiläums angebracht.
Im Januar 1990 tobte ein Orkan über das Land und fegte in einer Nacht den gesamten Niedensteiner Kopf, bis auf einen geringen Restbestand an Fichten, kahl. Zum Glück blieb der Turm dabei unbeschädigt. Im Sommer des nächsten Jahres wurde die Steilkurve des Fahrweges in Eigenhilfe mit umweltfreundlichen Gittersteinen gepflastert und damit die Zufahrt wesentlich erleichtert.

Vandalismus und Zerstörungswut bereiteten uns auch während der 90.ziger Jahre immer wieder Sorgen. So musste die Feuerwehr bei Schnee und Glatteis mit dem Löschfahrzeug anrücken um ein durch Brandstiftung entstandenes Feuer im Inneren der Wanderhütte zu löschen. Im Laufe des Jahres 1996 bekam der Turm ein vollkommen neues Outfit. Nachdem drei große Mobilfunkfirmen die exponierte Lage des Hessenturmes erkannt hatten und ihn gern für ihre Zwecke nutzen wollten, wurden ihnen die Dachfläche und drei Stockwerke vermietet. Der Turm erhielt im Inneren eine Stahlverstrebung und im Verlauf der Arbeiten stellte sich heraus, dass die Aussichtsplattform sowie das oberste Stockwerk angefault und morsch war und erneuert werden musste. Die Kosten für die Instandsetzung betrugen DM 40.000 und mussten vom Verein aufgebracht werden. Im Zuge dieser Arbeiten wurden auch die alten Eternitschindeln abgenommen und der Turm erhielt eine neue Außenhaut aus wetterfesten Platten mit 30 Jahren Garantie. Außerdem musste, um den gestiegenen Strombedarf zu decken, ein neues Stromkabel verlegt werden. Diese Investitionen sowie der Anbau des Geräteschuppens auf der Ostseite im Jahre 1999 und 1993 die Pflasterung des oberen Wegestücks wurden von den Mietern getragen. Mitte des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends wurde auch das Plateau komplett mit neuen Sitzgruppen ausgestattet. Am 19. August 2006 wurde im Rahmen des jährlich stattfindenden Sommerfestes das
75 jährige Bestehen des Hessenturmes gefeiert. Den Ablauf der Veranstaltung haben wir in der Abhandlung über die Vereinsgeschichte näher beschrieben. Im Sommer des Jahres 2008 sollte der Turm einen neuen Außenanstrich erhalten. Bei dieser Gelegenheit stellte sich heraus, dass die vor 12 Jahren angebrachte neue Außenverkleidung bereits wieder angefault war. Auf Garantiebasis wurden die schadhaften Stellen repariert und eine neue Verschindelung, inzwischen die dritte, aus Alumaterial angebracht.
Trotz seiner wechselhaften Geschichte ist der Hessenturm das geblieben, was er von Anfang an war: Ein repräsentatives, zeitloses Bauwerk, das sich als Symbol und Wahrzeichen der Stadt stilvoll und harmonisch in die Landschaft einfügt und in der Weihnachtszeit weit in den Chattengau hineinleuchtet. Er hat von seiner magischen Anziehungskraft nichts verloren und ist weiterhin eines der beliebtesten Ausflugsziele in unserer Region für

Wanderer und Spaziergänger. Sein Bild ziert unzählige Serien von Postkarten und Prospekten. Sogar der Poststempel trug jahrelang sein Konterfei und heute findet er im Logo der Stadtverwaltung Verwendung.
Damit ist der Slogan aus den Gründerjahren auch heute noch aktuell:

 NIEDENSTEIN, die Stadt am HESSENTURM